Im Interview mit Frau Heine, die Deutschlehrerin unserer Flüchtlingsklasse

Sie sind Lehrerin für Deutsch und Ernährungswissenschaften. Wie sind Sie dazu gekommen, jetzt eine Flüchtlingsklasse zu unterrichten?
Schon während des Studiums war ich an dieser Schule, um ein Praktikum zu machen. Die Schule gefiel mir. Letztes Jahr bin ich nach Strausberg gezogen. Um wieder an diesem Oberstufenzentrum unterrichten zu können, erklärte ich mich bereit neben anderen Klassen auch eine Flüchtlingsklasse zu unterrichten.

Und Sie unterrichten jetzt auch ausschließlich eine Flüchtlingsklasse?
Nein. Ich unterrichte zehn Unterrichtsstunden in dieser Klasse. Wenn man eine Klasse jeden Tag zwei Stunden sieht, reicht das. Sowohl für den Lehrer als auch für die Schüler.

Also unterrichten Sie auch andere Fächer in anderen Klassen?
Ja genau, ich habe noch Deutschunterricht in den Berufsschulklassen zum Beispiel bei den Bänkern und Einzelhändlern.

Dann sind Sie ja jetzt in einem ganz ungewohnten Gebiet des Unterrichts.
Ja, so zusagen. Ich hatte mich Im Januar 2015 schon beworben, wurde aber nicht genommen, da kein Lehrer benötigt wurde. Im Zuge der Eröffnung von Flüchtlingsklassen kann pro Klasse ein neuer Lehrer eingestellt werden.

Wie waren ihre Erwartungen an den Unterricht mit Flüchtlingen?
Ich habe Kontakt mit vielen Freunden, die in Berlin Willkommensklassen unterrichten. Jedoch nur 12- bis 16- Jährige. Das ist dann immer noch ein bisschen anders. Diese Schüler sind meist ein bisschen lauter und unruhiger. Einfach, weil Sie jünger sind und es teilweise auch nicht gewohnt sind, so lange still zu sitzen.
Insgesamt stand ich dem recht neutral gegenüber. Ich habe mich auf die Arbeit gefreut , weil ich wusste, das sehr motivierte Schüler dabei sind. Mit denen es dann auch Spaß macht zu arbeiten. So zum Beispiel die fünf Flüchtlinge, die bei euch sind. Also kurzum: Ich war gespannt auf die Arbeit.

Und wurden diese Erwartungen auch erfüllt?
Ja, grundsätzlich schon. Nur, wie das in jeder Klasse ist, kommen meistens die Schüler, die wollen und können ein bisschen zu kurz. Denn das selbständige Arbeiten funktioniert nicht wirklich, da ich die Aufgabenstellungen ja erst einmal mit Händen und Füßen erklären muss.
Die Wörterbücher, die wir bestellt hatten, sind auch noch nicht alle da. Zudem sind die Schüler, wie bereits gesagt, auf unterschiedlichem Stand und dann muss ich natürlich denen helfen, die Hilfe brauchen, weshalb andere, die schon weiter sind, warten müssen. Aber mein vorrangiges Ziel ist es, motivierten und engagierten Schülern etwas beizubringen.

Was genau machen Sie denn mit den Schülern? Also wie muss man sich eine Unterrichtsstunde in der Klasse vorstellen? Basiert der Unterricht ausschließlich auf dem Ziel unsere Sprache zu lernen?
Es ist nicht wie in der Grundschule. Da kann ich Aufgaben stellen wie: Lies vor! Fülle die Lücken aus! Oder Ähnliches. So ist das in einer Flüchtlingsklasse nicht. Was einfach daran liegt, dass ich nicht weiß, wie ich die Aufgaben verständlich stellen soll.
Zurzeit arbeiten wir gerade mit Substantiv, Verb und Adjektiv. Die Schüler müssen nicht nur eine Vokabel neu lernen, sondern diese auch gleich in Verbindung bringen.
Hierbei ist das ABC erst mal das vorrangige Ziel. Gerade bei den neuen Schülern in der Klasse scheinen einige noch ihre Probleme zu haben. Bei anderen habe ich gesehen, das sie Probleme mit E und I haben. Statt Spiele schrieben sie dann Speile.
Ansonsten sind halt die Ausnahmen beim Deklinieren von Verben wie „haben“ und „sein“ eine Herausforderung.
Das Problem ist auch, dass die Schüler mehr Zuhause üben müssten, aber teilweise denken, das es reicht, was sie in der Schule machen.

Wie sieht es denn mit anderen Fächern aus wie Mathe?
Sport haben sie noch.
Mathematik versuche ich zu integrieren. Letztens war ich zum Beispiel mit den Schülern einkaufen. Am nächsten Tag habe ich sie gebeten, den einzelnen Produkten einen Preis zu geben. Das konnten die meisten sehr realistisch einschätzen. Nach dieser Aufgabe habe ich verschiedene Produkte hochgehalten und sie sollten zusammenrechnen, wie teuer diese Sachen zusammen sind. Da habe ich schon große Probleme bei einigen festgestellt.

Können Sie denn schon sagen, das Fortschritte gemacht wurden? Beziehungsweise prüfen sie die Leistung der Schüler und wenn ja wie?
Naja, nicht so wie ihr das aus der Schule kennt. Ab und zu hole ich zwei an die Tafel, die gleich gut sind und sich im besten Fall auch noch gut leiden können. Dann zeige ich im Raum auf Gegenstände, die sie benennen sollen. Oder wir arbeiten mit Kärtchen, wo Adjektive drauf stehen von denen sie dann das Gegenteil bilden sollen. Nach ca. zehn Stück klappen wir die Tafel zurück und kontrollieren gemeinsam.
Aber ich muss auch noch schauen, wie ich das dann differenziere. Einfach weil einige schon mehr Sprachunterricht hatten als andere.

Aber einen richtigen Lernplan gibt es noch nicht?
Nein, nicht wirklich. Noch gestalte ich den Unterricht und die Themen, die wir behandeln, nach meinen Wünschen. Also von der Uhrzeit, über Einkaufen bis hin zu den Wörtern, die sie lernen.
Ich kann mir aber auch gar kein richtiges Konzept zurechtlegen. Die erste Woche hatte ich mit der Kollegin aus Seelow sehr genau geplant, was aber schon daran scheiterte, dass ein Analphabet dabei war. Und mit so einem Buchstabenrätsel zum Beispiel kann man dann nicht arbeiten.

Und haben sie schon was über die Familie der Jungs erfahren, beziehungsweise über die Umstände ihrer Flucht?
Nein. Ich habe mich auch ganz bewusst dagegen entschieden, diese Themen im Unterricht zu behandeln. Also in vielen Arbeitsmaterialien stehen Sachen wie: Meine Schwester heißt….aber diese Sachen habe ich dann ausgelassen.
Manchmal denken sie auch quer und wollen nach Hause, aber sie sind größtenteils motiviert und teilweise auch sehr lustig. Ich denke auch, dass man mit ihnen darüber reden kann. Aber ich persönlich will damit noch warten.

Meine letzte Frage: Welche Einstellung sollte man zum Thema „Flucht“ haben, um so eine Klasse zu unterrichten?
Man sollte schon probieren, seine Vorurteile, wenn diese denn vorhanden sind, hinten anzustellen. Es ist ja nicht so, dass die Schüler hier sitzen und Forderungen, Forderungen, Forderungen stellen. Wenn das so wäre, würde ich sicher meine Schwierigkeiten haben. Aber bisher ist es so, dass sie eher demütig sind. Und auch vorher fragen, wenn sie etwas haben möchte, wie zum Beispiel einen Kugelschreiber.
Man sollte eine neutrale Position beziehen, um diesen Job zu machen.
Was ich aber abschließend sagen kann ist, dass jeder der behauptet, Flüchtlinge kommen nur, um Ansprüche zu stellen, gerne vorbeikommen kann und sich den Unterricht anschauen darf. Hier sitzen viele junge Menschen, die etwas lernen wollen.